Vor wenigen Tagen wurde die gentechnisch veränderte Kartoffel Amflora des Chemieunternehmens BASF zum Anbau zugelassen. Die Europäische Aufsichtsbehörde für Lebensmittel (EFSA) mit Sitz im italienischen Parma hat dabei eine wesentliche Rolle gespielt: Das Urteil der europäischen Superbehörde, die Kartoffel sei gesundheitlich unbedenklich, ebnete den Weg zur Zulassung. Doch die Behörde ist umstritten. Die französische Staatssekretärin Chantal Jouanno kritisiert, die EFSA habe sich lediglich für die gesundheitlichen Folgen interessiert und nicht die Auswirkungen von gentechnisch veränderten Pflanzen auf die Umwelt in Betracht gezogen. Die Aufsicht müsse ihre Methoden verbessern. „Wir respektieren die Kompetenz der Lebensmittelbehörde nicht, weil wir ihre Einschätzungen für unvollständig halten“, sagt sie. Doch es gibt noch einen weiteren Grund, an der Behörde zu zweifeln.
Dieser Grund lässt sich an Namen wie Klaus-Dieter Jany festmachen, einem eingefleischten Förderer der Gentechnik, der bei der EFSA nach seiner Pensionierung in Deutschland Karriere machte. Der Biochemiker war zuvor im Auftrag des Bundes für die Überprüfung der Sicherheit gentechnisch veränderter Lebensmittel zuständig. Jany leitete seit 1982 das Molekularbiologische Zentrum des Max-Rubner-Instituts in Karlsruhe. Dieses Forschungsinstitut hieß früher Bundesforschungsanstalt für Ernährung und ist dem Bundesministerium für Ernährung, Lebensmittel und Verbrauchersicherheit unterstellt. Obwohl Jany als Angestellter des Bundes eine neutrale Position vertreten sollte, engagierte er sich ausschließlich f ü r den Einsatz der Gentechnik im Lebensmittel- und Agrarbereich und wirkte als ausgezeichneter Multiplikator. So warb Jany auf unzähligen Diskussionsveranstaltungen pro Jahr für den Einsatz der Gentechnik, er trat vor Studenten und vor Landfrauenkreisen auf und war Referent vor Landtagsabgeordneten. Auch als Berater für den Bundestag und die Regierung war Jany tätig, außerdem in mehreren internationalen Institutionen wie etwa der OECD. Man muss sich wundern, dass ein Wissenschaftler, dessen Objektivität begründet im Zweifel steht, bei der EFSA nun auf höchster europäischer Ebene Entscheidungen beeinflussen kann.
Ein von Jany gegründeter und geleiteter Verein, der Wissenschaftlerkreis Grüne Gentechnik (WGG), propagierte den Einsatz der neuen Technik, also den Einsatz genetischer Manipulationen bei der Züchtung von Pflanzen mit neuartigen Eigenschaften. In ihm sind sämtliche Hardliner der Pro-Gentechnikfraktion versammelt, außerdem gilt der Verein als Ort der Zusammenkunft von Industrie, Forschung und Politikern und Beamten, die der Gentechnik gegenüber positiv eingestellt sind. Seit einiger Zeit tritt der Verein aber nicht mehr so stark in der Öffentlichkeit auf. Früher organisierte er unter anderem Pressekonferenzen und Diskussionen, schrieb offene Briefe und vermittelte Gentechnik-Experten und erhob immer dann das Wort, wenn gentechnikkritische Äußerungen und Regelungen erfolgten. Zudem ist Jany in mehreren Initiativen aktiv, die den Einsatz von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) fördern und in enger Bindung zur Politik stehen, etwa dem Verein InnoPlanta in Gatersleben.
Bei Podiumsdiskussionen zum Für und Wieder der Gentechnik war stets klar, auf welcher Seite Klaus-Dieter Jany Platz nahm: dort, wo die Befürworter sitzen. Jany hat sogar selbst schon einen Freisetzungsversuch auf ein paar Quadratmetern in seinem eigenen Garten in Linkenheim bei Karlsruhe durchgeführt. Und das Institut, für das er gearbeitet hat, bot beim Tag der offenen Tür seinen Gästen gerne Lebensmittel aus gentechnisch veränderten Pflanzen an. "Wenn Sie mich einen Lobbyisten nennen, verklage ich Sie", sagte er einmal in einem Telefongespräch zu mir. Aber was Anderes ist das sonst, wenn nicht Lobbyismus, was Jany macht?
Der WGG steht Monsanto sehr nahe, wie ein Blick in die Vereinsgeschichte zeigt. Schon im Jahr 1996, als der Verein noch gar nicht gegründet war, hat Jany, der spätere Vereinsgründer, für den Saatguthersteller gearbeitet. Jany hat ein Dossier verfasst, dass das Unternehmen benötigte, um Schrot von gentechnisch veränderten Sojabohnen nach Deutschland einzuführen. Mitgewirkt daran hat auch Gabriele E. Sachse. Sie ist ebenfalls Mitglied im WGG.
Vier Jahre später versuchte die Saatgut-Industrie, mit dem so genannten Goldenen Reis, der besonders viel Vitamin A enthält, die immer noch sehr geringe Akzeptanz für gentechnisch veränderte Produkte in der Bevölkerung zu erhöhen. Der Saatgut-Hersteller Monsanto verkündete, das von dem Unternehmen entschlüsselte Reis-Erbgut interessierten Forschern zur Verfügung zu stellen. Der Wissenschaftlerkreis Grüne Gentechnik begrüßte die Entscheidung zuerst ausdrücklich, dann lud er zur Pressekonferenz nach Berlin. So kam es, dass der Pressesprecher von Monsanto, Andreas Thierfelder, dann auf einer WGG-Veranstaltung für den Entschluss seines Unternehmens werben durfte – ein Verfahren, das zwar bei Lobbygruppen und Verbänden üblich ist, nicht aber für unabhängige Wissenschaftlerorganisationen.
Der Wissenschaftlerkreis ist auch im Internet präsent. Unter der Seite www.wgg-ev.de findet sich eine Vielzahl von Dokumenten zur Gentechnik, darunter wissenschaftliche Stellungnahmen von Klaus-Dieter Jany unter dem Briefkopf des WGG. Auch von dieser Internetseite führt ein Pfad zu Monsanto. In direkter Nachbarschaft liegt eine Vielzahl von Homepages des Unternehmens, neben der Hauptseite monsanto.de sind dies noch mehrere Produkthomepages. Dieselbe Adresse im Internet und damit denselben Server hat die Seite des Kommunikationsberaters Torsten Willner.
Willner war in einem von Monsanto geschaffenen „Informationsbüro Sojabohne“ tätig. Dort war er der Mann fürs Grobe, das Büro wurde geschaffen, um einer Kampagne von Greenpeace etwas entgegensetzen zu können. Die Umweltschutzorganisation sollte diffamiert und diskreditiert werden, denn Greenpeace wollte die Öffentlichkeit mobilisieren, damit die Einfuhr von gentechnisch veränderter Soja verhindert wird (nachdem der Antrag zuvor mit Janys Dossier genehmigt worden war). „Greenpeace arbeitet erneut mit unseriöser Information“ lautete die Überschrift einer Pressemitteilung, die von Willner unterzeichnet worden war. Willner meldete sich übrigens auf Konferenzen als Mitglied des Wissenschaftlerkreises an. Das Informationsbüro Sojabohne hatte seinen Sitz in Frankfurt im Untermainkai 20, dort, wo auch ein weltweit agierender PR-Multi seinen Deutschland-Sitz hat, das amerikanische Unternehmen Burson-Marsteller.
Jany schreibt in einem Statement auf der Monsanto-Werbeseite www.sojabohne.de:
Gentechnische Methoden zur genetischen Veränderung von Pflanzen sind weltweit etabliert und gehören bereits zu den Standardhilfsmitteln in der klassischen Züchtung. Anwendungen der Gentechnik sind im Agrar- und Lebensmittelsektor nicht aufzuhalten. Erzeugnisse aus gentechnisch veränderten Organismen kommen weltweit vermehrt in den Handel. Aufgrund der weltweiten Handelsbeziehungen sowie des gemeinsamen europäischen Marktes kann sich der deutsche Markt diesen "neuartigen" Lebensmitteln nicht verschließen."
Das war im Jahr 1996.
Betreut wurden diese Seiten von dem Internetdienstleister Interactive Dialog. Die Frankfurter GmbH arbeitet nach eigenen Angaben ebenfalls mit Burson-Marsteller zusammen. Sie betreut nach eigenen Angaben das Intranet von Burson-Marsteller.
Die professionellen Meinungsmacher von Burson-Marsteller treten immer dann auf den Plan, wenn ein Unternehmen in eine Krise geraten ist, das Image negativ ist, wenn Lobbyarbeit auf höchsten politischen Ebenen nötig ist oder wenn ein Produkt positiv dargestellt werden soll. In der Schweiz ist Burson-Marsteller etwa in der Meinungsbildung über Atomenergie und Gentechnik aktiv, auch der Flughafen Zürich hat sich in der Fluglärm-Debatte der Dienste von Burson-Marsteller bedient.
Auch die europäische Dachorganisation der Biotechnologie-Industrie namens Europabio hat auf die Dienste von Burson-Marsteller Government & Public Affairs zurückgegriffen, um gentechnisch veränderte Produkte auf dem Markt platziert zu bekommen. Burson-Marsteller hat ein umfangreiches Kommunikationskonzept entwickelt. Das Papier des Tochterunternehmens, das sich mit Lobbyismus auf Regierungsebene und dem gezielten Beeinflussen der öffentlichen Meinung beschäftigt, bestimmt seither den Diskurs über die Grüne Gentechnik – und man kann sagen, dass die Vorgehensweise von Jany und seinem Wissenschaftlerkreis diesem Kommunikationskonzept folgt. So betont dieses Konzept etwa, dass es „genetisch veränderte Nahrungsmittelprodukte“ gebe, die bereits auf dem Markt seien. Sie müssten für die Medienkampagne in Erwägung gezogen werden.
Wegen seiner Aktivität bekam Klaus-Dieter Jany auch Ärger mit seiner obersten Dienstherrin, damals die Verbraucherschutzministerin Renate Künast. Als Jany sich plötzlich zum Thema Milch und Gentechnik betätigte, erhielt er einen förmlichen Rüffel aus dem Ministerium, weil Milch nicht in seinen Forschungsbereich fällt.
Später wechselte Klaus-Dieter Jany dann – nach seiner Pensionierung – zur Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA. Jany ist dort Vorsitzender des CEF-Panels, einem „Gremium für Materialien, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen, Enzyme, Aromastoffe und Verarbeitungshilfsstoffe“. Damit ist Jany weiterhin in einer wichtigen Position für GVO in Lebensmitteln zuständig. Im Gespräch vor einiger Zeit meinte er, er würde kürzer treten wollen. Dennoch hat er sich für dieses EFSA-Gremium beworben. Fakt ist, dass zwischen seiner Pensionierung und dem Beginn dieser neuen Aufgabe lediglich zehn Tage liegen.
Und Fakt ist auch, dass er in dem EFSA-Fragebogen, in dem Interessenskonflikte abgefragt werden, verschweigt, dass er Miterfinder eines gentechnischen Verfahrens ist, das ein vom früheren Chemieunternehmen Röhm angemeldetes Patent schützt. Auch die Information, dass er Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der RLP Agroscience GmbH in Neustadt an der Weinstraße ist, findet sich in dem Fragebogen nicht.



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