Pozzallo Schiffe

Verdammt

„Auf der Internetseite von Frontex findet sich zudem dieser Satz: „Die Lebensrettung hat absolute Priorität bei jedem von Frontex koordinierten Vorgehen, der Fokus bei der gemeinsamen Operation Triton wird jedoch in erster Linie die Grenzverwaltung sein.“ Das verheißt nichts Gutes. Es werden, man muss das so klar sagen, künftig wieder mehr Menschen im Meer ertrinken, unter der sengenden Sonne verdursten oder im Bauch völlig überfüllter und oft knapp seetauglicher Schiffe ersticken. Und damit mehr Leichen in Pozzallo an Land gebracht werden.“
Das schrieb ich in einer Geschichte über die sizilianische Stadt Pozzallo für Das Magazin​ im Oktober vergangene Jahres. Das war leider nicht falsch.
Verdammt.

Meine Email an die Kanzlerin

Ich habe soeben eine Email an Angela Merkel zum Thema NSU geschickt. Mal sehen, ob eine Antwort kommt…
„Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, wenn man sieht, welche Rolle die Sicherheitskräfte im NSU-Skandal eingenommen haben, kann man leider nicht mehr von einem „guten Staat“ ausgehen. Vielmehr muss man vermuten, dass es weitreichende und mächtige braune Netzwerke gibt, die Deutschlands Institutionen durchwuchern. Es ist Aufgabe der Politik und damit von Ihnen, das Vertrauen in die staatlichen Institutionen jetzt und schnell wieder herzustellen – mit einer vorbehaltslosen Aufklärung, mit Säuberungen in den Behörden – Polizei, Bundesanwaltschaft, Innenministerien und Verfassungsschutz – , mit einer Dienstvorschrift, die Einflussnahme von Vertretern staatlicher Institutionen wie Verfassungsschutz bis Bundesanwaltschaft auf Medien verbietet, mit einer Ausweitung der parlamentarischen Kontrolle der Geheimdienste. Deutschlands Bürger brauchen Klarheit über rechtsextreme Netzwerke in staatlichen Institutionen. Und eine Säuberung sollte auch im Interesse der Bundesregierung sein, denn Deutschlands Ansehen in der Welt steht auf dem Spiel. Das ist die Dimension des NSU-Skandals. Frau Merkel, Sie haben vor drei Jahren gesagt, Sie glauben, dass alles getan werde, „damit diese Dinge aufgeklärt werden.“ Das ist bisher nicht geschehen. Setzen Sie eine vollständige Aufklärung des NSU-Skandals durch! Ich freue mich auf eine Stellungnahme Ihrerseits, die sich mit den von mir erwähnten Punkten auseinandersetzt. Ich würde Sie gerne auf meiner Homepage veröffentlichen, denn der NSU-Skandal ist für mich von großer Bedeutung – nicht als Journalist, sondern als Privatmensch, der sich in diesem Staat nicht mehr wohlfühlt. Ich habe an Deutschland immer geschätzt, dass man im Gegenzug zu Italien Vertrauen in die staatlichen Institutionen haben kann. Dieses Vertrauen ist nachhaltig erschüttert, sicher nicht nur bei mir, sondern bei vielen Bürgern.
Mit freundlichen Grüßen,
Sandro Mattioli“

Der zum Skandälchen gemachte Kemptener Koksskandal

Treten wir einmal einen Schritt zurück und schneiden von dem, was im Fall des Kemptener Leiters der Drogenfahndung, Armin N., bekannt ist, alles ab, was für meine Fragestellung unwichtig ist. Lassen wir SM-Vorlieben eines Beamten, die hier und im Übrigen nirgendwo etwas zur Sache tun, außer Acht , beachten wir auch die Gewalttätigkeit des Angeklagten gegenüber seiner wehrlosen Ehefrau nicht, der ihr androhte, sie zu töten, und sie zu Sex zwang. Greifen wir ein nicht nur für den Angeklagten brisantes Factum heraus: Im Schrank des Leiters der Drogenfahndung einer deutschen Polizei wurden 1,854 Kilogramm Kokainverschnitt gefunden. Ein Hammer! Aber was noch viel mehr der Hammer ist, ist wie mit dem Fall dann umgegangen wird.

Dieser Verschnitt war offenbar von ordentlicher Qualität, der Wirkstoffgehalt lag bei 23,5 Prozent, oder anders gesagt: es waren 435 Gramm reines Kokain, die gestreckt worden sind. Würde man diese Menge verkaufen, erhielte man 130 000 Euro, oder, wieder anders gesagt, wer so viel Kokain kaufen möchte, muss in etwa diesen Preis bezahlen. Oder, nochmal anders gesagt: Wer eine solche Menge Kokain in seinem Besitz hat, müsste nicht nur reich sein, sondern auch eine gute Quelle dafür kennen. Wäre es so, dass Armin N. das Kokain sozusagen legal illegal erworben hat, wäre es folglich von sehr großem Interesse, von wem er den Stoff bekam. Schließlich ermöglichte dies wahrscheinlich, die Struktur des Drogenhandels im Allgäu besser zu erkennen.

Man muss wissen, dass das Allgäu schon seit drei Jahrzehnten zu einer Gelenkstelle im internationalen Drogenhandel geworden ist. Denn italienische Mafia-Gruppen haben trotz der höheren Gefahr für ihre Organisation kein dezentrales Verkaufsnetz eingerichtet, sondern eine Struktur mit einer Zentrale, wohl auch, um eine bestmögliche Kontrolle über den wertvollen Stoff zu haben. Das heißt, Drogenlieferungen aus Südamerika beispielsweise, die über die Häfen in Rotterdam oder Hamburg nach Europa kommen, werden nach Italien gebracht und von dort aus dann weiter verteilt, auch in Gegenden, die sie zuvor schon passierten. So kann es beispielsweise sein, dass eine Ladung Kokain zwei Mal im Allgäu landet: zuerst auf der Durchreise, später dann zum Verkauf. Schon als Giorgio B., ein hochrangiger Mafioso, 1998 in Kempten festgenommen wurde, spielten Kokainlieferungen an einen Gastwirt eine Rolle, der noch heute in der Gegend tätig ist.

Es gibt mehrere Hypothesen, wie Armin N. an das Kokain kam. Im Verfahren gegen ihn, das gestern eröffnet worden ist, hat er sich zu diesem Punkt nicht geäußert. Er betonte lediglich, er unterhalte keine Kontakte zur Mafia – was in Kempten, so munkeln Insider, gar nicht so einfach ist, wenn man gerne ausgeht. Vielleicht hätte Armin N. das kleine, unscheinbare Wörtchen „wissentlich“ hinzufügen sollen, dann wäre er auf der sicheren Seite. Man weiß ja nie, was der Lieblingsitaliener so in seiner Freizeit macht.

Eine Hypothese ist, dass das Kokain aus der Asservatenkammer stammt, es also einst beschlagnahmter Stoff war. Aufzeichnungen darüber gibt es nicht mehr, heißt es, was tief blicken ließe, wenn es denn stimmte. Würde es doch bedeuten, dass Drogen kiloweise aufbewahrt würden und, eine weitere Hypothese, für Schulungszwecke auch in dieser Menge herausgegeben würde. Das ist so hanebüchen, dass diese Option wohl ausscheidet.

Eine weitere Hypothese ist, dass  Armin N. diese Menge vor Rauschmittel-Vernichtungen vor dem Verbrennungsofen abgezweigt hat. Mir sagte jemand, der sich mit amtlichen Drogenverbrennungen auskennt, dass das so gut wie unmöglich ist. Erst recht, wenn es sich um solch große Mengen handele.

Was würde man sich nun von einem Strafverfahren erhoffen, von Ermittlungen, die von einer Staatsanwaltschaft geführt werden in einem Bundesland, das selbst Besitzer von kleinen Mengen Haschisch gerne einmal kriminalisiert, was würde man sich von der Behörde eines solchen Bundeslandes erwarten? Doch bedingungslose Aufklärung! Eine Antwort auf die Frage, wie es sein kann, dass ein Staatsbediensteter, noch dazu ein Polizist, noch dazu ein Drogenfahnder, noch dazu der Leiter einer Drogenfahndung, noch dazu der Leiter einer Drogenfahndung in einem stark mafiös verseuchten Gebiet, wie es sein kann, dass ein solcher Mann solche Mengen Drogen besitzt.

Aber weit gefehlt.

Den Richter interessiert das nicht.
Die Staatsanwaltschaft interessiert das nicht.

Im Gerichtsverfahren musste nicht einmal eine Beamtin aussagen, deren Erbgut auf dem Kokspaket haftete.

So geht der italienische Staat mit Kronzeugen um

Unterstützung und Spenden dringend gesucht: Luigi Bonaventura, der engagierte ‚ndrangheta-Kronzeuge, über den ich für das schweizer Magazin Reportagen geschrieben habe, wird in diesen Minuten abgeholt und ins Gefängnis gebracht. Acht Jahre lang hat Bonaventura die Staatsanwaltschaften in Italien mit seinem Wissen im Kampf gegen die Mafia unterstützt. Nachdem die italienische Regierung der Familie drei Jahre lang monatlich Geld überwiesen hatte, obwohl der Kronzeugen-Vertrag längst abgelaufen war, hat sie die Zahlungen nun plötzlich eingestellt. Das Ergebnis: Eine Familie, bestehend aus Luigi Bonaventuras Schwiegereltern, seiner Frau und seinen zwei Kindern, steht mittellos da, in einem Ort, wo sie niemanden kennt, ohne Verwandte, die ihnen helfen könnte, ohne Jobs, weil sie keine Papiere bekommen haben, auf gut deutsch: ohne Schutz. Und dass, obwohl alle außer Luigi nie kriminell waren und aus Nicht-Mafiafamilien kommen. Ich schäme mich für mein Vaterland, dass die Behörden so eine Situation zulassen, und bin traurig. Denn Luigi hätte wirklich eine andere Behandlung verdient, sein Kampf gegen die Mafia ist echt und geprägt von tiefer Reue. So schreckt Italien potenzielle Kronzeugen ab. Wer der Familie helfen möchte, kann auf ein Solidaritätskonto Geld überweisen: Kontoinhaber Giorgio Emmolo, Banca dell’Adriatico, Konto 1000156 – Iban IT37B0574877912100000000156 Codice BIC IBSPIT3P. Auch jede andere Form der Hilfe – eine günstige Wohnung oder ein Job, gerne im Ausland – ist willkommen.

Die Fischerbar Scordapene in Pozzallo. (c) mauro D'Agati

Liebe deinen Nächsten

Pozzallo, Sizilien, Oktober 2014, Das Magazin

In Pozzallo auf Sizilien gehen die Einheimischen an die Beerdigungen der ertrunkenen Flüchtlinge. Manche geben ihr bestes Leintuch für die Toten.

Es sind anstrengende Tage derzeit. Im Rathaus von Pozzallo, einem Städtchen ganz im Süden von Sizilien, stehen die Leute Schlange, denn Luigi Ammatuno, ihr Bürgermeister, wird in der Nacht für zwei Wochen zu den nach New York ausgewanderten Mitbürgern fliegen. Ein Mann lässt im Zorn die Tür knallen; er warte seit drei Stunden, tobt er, seit acht Uhr am Morgen, und noch immer sei er nicht an der Reihe. In der Gemeinde herrscht zudem Streit über den Haushalt, ein dickes Minus steht im Buch. Und die Staatsanwaltschaft ermittelt sowohl gegen den vorhergehenden Bürgermeister wie auch gegen den aktuellen Chef der Stadtpolizei wegen Untreue, Betrug und anderer Delikte. Doch all das ist es nicht, was Virginia Giugno verfolgt. „Ich bin müde“, sagt sie leise, und stützt ihren Kopf mit beiden Händen auf die Lehne eines Stuhls im Sitzungssaal auf. „Ich halte diese Normalität einfach nicht mehr aus.“ Weiterlesen

Cover Das Magazin

Im Meer schwimmen

„Es gab eine Gegend, da haben wir festgestellt, dass es dort viel Fisch gibt“, berichtet einer. „Dann fuhren wir nochmal hin und sahen: Da sind die Toten. 16 Meilen von Pozzallo.“ Ein anderer Fischer sagt über ein reiches Fanggebiet am anderen Ende von Sizilien, vor der Westspitze der Insel: „Früher arbeiteten dort 40 Schiffe, man verdiente gutes Geld. Heute ist da keiner mehr, weil sich die Seemänner weigern. Bei jeder Ladung waren fünf, sechs Tote im Netz. Wenn die Leute erst ein, zwei Tage im Meer geschwommen wären, okay. Aber die treiben da schon seit einiger Zeit herum.“

Das ist die Normalität: Die Strömung nimmt die Leichen mit sich. Wo die Toten sind, ist berechenbar, ist bekannt.“

Heute in Das Magazin (der Link führt zum Download für das komplette Heft).

Volle Ladung Dank

Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft in Tübingen, hat eine schöne Verteidigung des Qualitätsjournalismus‘ in der Zeit mit dem Titel „Volle Ladung Hass“ veröffentlicht. Dennoch konnte ich es nicht lassen, ihm zu widersprechen: Weiterlesen

Bei der Recherche inmitten von Flüchtlingsbooten. Foto: Mauro D'Agati

Lieber den Tod

Schon lange beschäftigt mich ein Thema, vielleicht, weil ich es in die Gene gelegt bekommen habe: die Migration. Ich sehe, wie Europa immer mehr zu dem Gebilde wird, das in dem Film „Der Marsch“ des Briten David Wheatley gezeichnet worden ist: einer Vereinigung von Staaten, die sich gegen Migranten aus Afrika abschottet. Weiterlesen