Geht ihnen ans Geld!

Was gestern Abend in Paris geschehen ist, ist furchtbar. Vor allem, weil es ein Angriff auf einen Lebensstil ist, dem nichts Böses innewohnt. Es ist nicht verwerflich, ein Fußballspiel anzuschauen, ein Konzert zu besuchen, ins Restaurant zu gehen. Wer diesen Lebensstil angreift, greift unser aller Leben an. Furchtbar ist dieser Angriff auch, weil weit über hundert Menschen ihr Leben lassen mussten. Einfach nur, weil sie lebten, wie man in unserem Kulturkreis lebt, wie man an den meisten Orten der Welt lebt, wie man heutzutage lebt. Und weil Verblendete die Botschaft des Islam ins Perverse verkehren

Noch während in Paris die Attentäter in ihrer Schande wüteten, wurden erste Stimmen laut, die eine Verbindung zwischen den von Vertretern des Islamischen Staates ausgeführten Morden und den nach Europa kommenden Flüchtlingen herstellten. Inzwischen setzt sich jedoch die Sicht durch, dass diese Menschen vor genau dieser Gruppe, die in Paris als Schlächter auftrat, fliehen. Und es ist auch offensichtlich, dass Isis-Attentäter, so sie nach Europa kommen wollen, keine Flüchtlingswelle brauchen, sondern oftmals auf der Heimreise von Syrien und Irak nur ihren deutschen/britischen/italienischen etc. Pass. Eine Struktur, die Krieg in mehreren Ländern führt, benötigt sicher keine Flüchtlingsbewegungen, um ihre Leute nach Europa zu schleusen, das können sie alleine.

Was sie aber braucht, ist Geld. Und hier gibt es sehr wohl Zusammenhänge mit der Flüchtlingsbewegung. Weiterlesen

Das Grau in den Blick nehmen

Heute ist mein Kommentar zur Eröffnung des Hauptverfahrens gegen die Mitglieder der Mafia Capitale im Neuen Deutschland erschienen:

Heute beginnt in Rom das Hauptverfahren in einem bemerkenswerten Gerichtsprozess: 46 Mitglieder und Unterstützer der »Mafia Capitale« müssen sich dafür verantworten, dass sie mit Bestechungsgeldern öffentliche Aufträge erlangt haben: angefangen bei der Betreuung von Senioren und Flüchtlingen bis hin zu Bauaufträgen. Der Name der Bande ist insofern irreführend, wie die römischen Kriminellen nur losen Kontakt mit angestammten Mafiaorganisationen hatten. Sie sind eher als unabhängige Gruppe mit rechtsradikalen Führern zu sehen.

Dieses Verfahren zeigt, dass es keineswegs nur die angestammten Clans sind, die in einer parasitär bis symbiotischen Beziehung mit ihrem Heimatland leben – parasitär, indem sie mit ihrem Schmiergeld korrekt arbeitende Unternehmen verdrängen, symbiotisch, weil die Politiker, die die Kriminellen begünstigen, mitprofitieren. Im Gegenteil: Es gibt in Italien neben ausländischen Gruppierungen der organisierten Kriminalität eben auch einheimische Gruppen. Sie kopieren die klassische Mafia, gehören aber nicht zu ihr.

Solche Strukturen wachsen, wo es keinen Kontrolldruck gibt. Weiterlesen

Der Reichtum der Sprache

Francesco Bianco und Sandro Mattioli: Bessersprecher Italienisch. 150 Redewendungen für ein ausdrucksstarkes Italienisch. Conbook-Verlag, Meerbusch. 9,95 Euro

Francesco Bianco und Sandro Mattioli: Bessersprecher Italienisch. 150 Redewendungen für ein ausdrucksstarkes Italienisch. Conbook-Verlag, Meerbusch. 9,95 Euro

Dieser Tage kommt ein neues Buch in den Buchhandel, das ich gemeinsam mit Francesco Bianco geschrieben habe, einem Linguisten und Freund von mir. Wir haben dafür 150 Redewendungen gesammelt, die im Italienischen oft benutzt werden, ihre Entstehung beleuchtet und dazu passende Informationen über Italien danebengestellt.
Am Anfang dachte ich, dass die Arbeit an diesem Buch etwas dröge werden könnte. Doch ich war bald vom Gegenteil überzeugt, und wie. Schon bei der Vorbereitung der Auflistung von Redewendungen merkten Francesco und ich, wie viel von einer Kultur und Gesellschaft in der Sprache steckt. Es klingt blöd, aber stellenweise arbeiteten wir uns fast in einen Rausch – und der lag nicht am hervorragenden tschechischen Bier, das wir dazu konsumierten. Sondern daran, dass es richtig Spaß machte, Italien über seine Redewendungen zu beschreiben. Scendere in campo (Die (politische) Bühne betreten) als eine Wendung, die Silvio Berlusconi dem Land vermacht hat; Ogni scarrafone è bello a mamma sua ( Jedem gefällt, was seines ist) – der Titel eines Liedes von Pino Daniele, der zu einem geflügelten Wort geworden ist;  Non dire »gatto«, se non ce l’hai nel sacco! (Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben) von Giovanni Trappatoni, einem Fußballtrainer, der nicht nur in Deutschland unvergessliche Ausdrücke geschaffen hat. Wir stießen auf viele Vorzüge Italiens und lasen aus der Sprache auch Nachteile heraus, etwa die geringe Rolle, die Frauen spielen. Selbst eine Fixierung auf Sexuelles wurde deutlich: der Teil mit Redewendungen in diesem Bereich ist einer der größten des Buchs. Wir hoffen, das Lesen macht genauso viel Spaß wie das Schreiben. Und auch, dass manch versteckte humoristische Einlage nicht unbemerkt bleibt…

(c) www.stie.ch

Stefan Weber (1960-2015)

Stefan Weber steht im Zentrum des vierten Teils des Buches „Die Müllmafia“ von meinem Co-Rechercheur Andrea Palladino und mir. Leider hat uns die folgende Nachricht erreicht:

„Liebe Freunde, Partner, MitarbeiterInnen und alle, die Stefan gekannt und geschätzt haben
Fassungslos müssen wir Euch mitteilen, dass Stefan Weber am 30. August 2015 am späten Abend verstorben ist. Mit nur 54 Jahren wurde er mitten aus dem Leben gerissen. Bis zum Schluss war er voller Ideen und Pläne für seine beruflichen und privaten Projekte und so voller Lebenslust und Lebensfreude, wie wir ihn alle gekannt haben. Die Trauer und der Abschied haben erst begonnen, die Lücke, die er hinterlässt wird kaum zu schliessen sein.
Stefan war an vielen verschiedenen Orten tätig und so gibt es in verschiedenen Ländern Menschen, die um ihn trauern. Für seine Mitarbeiter stellen sich auch Fragen nach dem Wie weiter. Wir bitten Euch alle, seine Ideen und Projekte vorläufig weiter zu führen als wäre er noch unter uns. Das wäre zweifellos auch in seinem Sinne.
In grosser Trauer
Wanda, Cinzia, Maja“

Mit Stefan Weber ist ein bewunderswerter Mensch gestorben: einer, der sich mutig gegen jede Widrigkeit stellte, stets der Aufklärung verpflichtet und dem Umweltschutz. Ein aufrechter Mann, der sich keinen falschen Autoritäten beugte. Er unterwarf sich nur seinem Gewissen, war klar und deutlich in seinen fundierten Urteilen – und doch immer für einen – oftmals auch politisch unkorrekten – Scherz gut. Kämpfer und Nonkonformisten wie er fehlen.

Wir, Andrea Palladino und Sandro Mattioli, verneigen uns vor Stefan Weber und seiner Lebensleistung. Sein aufopferungsvoller Kampf gegen die kriminellen Müllentsorger verdient Hochachtung. Seine Aktivitäten, egal, ob er sich an Schiffe festkettete, politisch kämpfte oder Informationen sammelte, hat die Gesundheit vieler Menschen gerettet, wenn nicht gar das Leben. Er und andere Mitstreiter haben dazu beigetragen, die Welt für ohnehin schon Entrechtete etwas besser zu machen.

Warum eigentlich?

Manchmal frage ich mich, warum ich meinen Job eigentlich so liebe. Ich recherchiere im Bereich der italienischen Mafia. Ich riskiere etwas, ich arbeite international, ich treibe einen hohen Aufwand, ich biete Exklusivgeschichten an, ich probiere, Missstände zu beschreiben, in meinem Fall eben auf die unzureichende Verfolgung von Mafiagruppen in Deutschland hinzuweisen. Ich kümmere mich seit Jahren um das Thema, ich bin zum Experten geworden, ich habe Insiderwissen. Aber: Das ist alles nichts wert. Ich biete eine Geschichte an, die beschreibt, wie eine deutsche Staatsanwaltschaft nicht nur Ermittlungen gegen Mafiaclans verschleppt, sondern auch noch konkrete Hinweise von Insidern auf Drogenhandel bewusst nicht zur Kenntnis nimmt. Das grenzt an Strafvereitelung im Amt, von höchster Stelle. Die Recherchezeit lässt sich nicht klar bemessen, da es mehrere Treffen mit Informanten gab, aber es waren mindestens zehn volle Arbeitstage. Eine Zeitung bietet 250 Euro für einen Text, eine andere sagt, es gebe keinen Spannungsbogen, wohlgemerkt bei einem Artikel, der noch gar nicht geschrieben worden ist.
Ich glaube, in meinem nächsten Leben verkaufe ich Katzencontent oder irgendso’nen Scheiß.

… wieder am Bodensee


Wieder gab es eine Razzia, und wieder waren die Festnahmen im Bodensee-Raum. Als erstes hat übrigens das italienische Magazin Narcomafie über den Fall berichtet, Kompliment an die Kollegen für die rasche Arbeit. Hier ein Link zu meinem Text für Stern.de: „Deutschland ist ein Mafia-Land“. Zutreffende Überschrift, werte Stern.de-Redaktion!

 

Pozzallo Schiffe

Verdammt

„Auf der Internetseite von Frontex findet sich zudem dieser Satz: „Die Lebensrettung hat absolute Priorität bei jedem von Frontex koordinierten Vorgehen, der Fokus bei der gemeinsamen Operation Triton wird jedoch in erster Linie die Grenzverwaltung sein.“ Das verheißt nichts Gutes. Es werden, man muss das so klar sagen, künftig wieder mehr Menschen im Meer ertrinken, unter der sengenden Sonne verdursten oder im Bauch völlig überfüllter und oft knapp seetauglicher Schiffe ersticken. Und damit mehr Leichen in Pozzallo an Land gebracht werden.“
Das schrieb ich in einer Geschichte über die sizilianische Stadt Pozzallo für Das Magazin​ im Oktober vergangene Jahres. Das war leider nicht falsch.
Verdammt.

Meine Email an die Kanzlerin

Ich habe soeben eine Email an Angela Merkel zum Thema NSU geschickt. Mal sehen, ob eine Antwort kommt…
„Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, wenn man sieht, welche Rolle die Sicherheitskräfte im NSU-Skandal eingenommen haben, kann man leider nicht mehr von einem „guten Staat“ ausgehen. Vielmehr muss man vermuten, dass es weitreichende und mächtige braune Netzwerke gibt, die Deutschlands Institutionen durchwuchern. Es ist Aufgabe der Politik und damit von Ihnen, das Vertrauen in die staatlichen Institutionen jetzt und schnell wieder herzustellen – mit einer vorbehaltslosen Aufklärung, mit Säuberungen in den Behörden – Polizei, Bundesanwaltschaft, Innenministerien und Verfassungsschutz – , mit einer Dienstvorschrift, die Einflussnahme von Vertretern staatlicher Institutionen wie Verfassungsschutz bis Bundesanwaltschaft auf Medien verbietet, mit einer Ausweitung der parlamentarischen Kontrolle der Geheimdienste. Deutschlands Bürger brauchen Klarheit über rechtsextreme Netzwerke in staatlichen Institutionen. Und eine Säuberung sollte auch im Interesse der Bundesregierung sein, denn Deutschlands Ansehen in der Welt steht auf dem Spiel. Das ist die Dimension des NSU-Skandals. Frau Merkel, Sie haben vor drei Jahren gesagt, Sie glauben, dass alles getan werde, „damit diese Dinge aufgeklärt werden.“ Das ist bisher nicht geschehen. Setzen Sie eine vollständige Aufklärung des NSU-Skandals durch! Ich freue mich auf eine Stellungnahme Ihrerseits, die sich mit den von mir erwähnten Punkten auseinandersetzt. Ich würde Sie gerne auf meiner Homepage veröffentlichen, denn der NSU-Skandal ist für mich von großer Bedeutung – nicht als Journalist, sondern als Privatmensch, der sich in diesem Staat nicht mehr wohlfühlt. Ich habe an Deutschland immer geschätzt, dass man im Gegenzug zu Italien Vertrauen in die staatlichen Institutionen haben kann. Dieses Vertrauen ist nachhaltig erschüttert, sicher nicht nur bei mir, sondern bei vielen Bürgern.
Mit freundlichen Grüßen,
Sandro Mattioli“

Der zum Skandälchen gemachte Kemptener Koksskandal

Treten wir einmal einen Schritt zurück und schneiden von dem, was im Fall des Kemptener Leiters der Drogenfahndung, Armin N., bekannt ist, alles ab, was für meine Fragestellung unwichtig ist. Lassen wir SM-Vorlieben eines Beamten, die hier und im Übrigen nirgendwo etwas zur Sache tun, außer Acht , beachten wir auch die Gewalttätigkeit des Angeklagten gegenüber seiner wehrlosen Ehefrau nicht, der ihr androhte, sie zu töten, und sie zu Sex zwang. Greifen wir ein nicht nur für den Angeklagten brisantes Factum heraus: Im Schrank des Leiters der Drogenfahndung einer deutschen Polizei wurden 1,854 Kilogramm Kokainverschnitt gefunden. Ein Hammer! Aber was noch viel mehr der Hammer ist, ist wie mit dem Fall dann umgegangen wird. Weiterlesen

So geht der italienische Staat mit Kronzeugen um

Unterstützung und Spenden dringend gesucht: Luigi Bonaventura, der engagierte ’ndrangheta-Kronzeuge, über den ich für das schweizer Magazin Reportagen geschrieben habe, wird in diesen Minuten abgeholt und ins Gefängnis gebracht. Acht Jahre lang hat Bonaventura die Staatsanwaltschaften in Italien mit seinem Wissen im Kampf gegen die Mafia unterstützt. Nachdem die italienische Regierung der Familie drei Jahre lang monatlich Geld überwiesen hatte, obwohl der Kronzeugen-Vertrag längst abgelaufen war, hat sie die Zahlungen nun plötzlich eingestellt. Das Ergebnis: Eine Familie, bestehend aus Luigi Bonaventuras Schwiegereltern, seiner Frau und seinen zwei Kindern, steht mittellos da, in einem Ort, wo sie niemanden kennt, ohne Verwandte, die ihnen helfen könnte, ohne Jobs, weil sie keine Papiere bekommen haben, auf gut deutsch: ohne Schutz. Und dass, obwohl alle außer Luigi nie kriminell waren und aus Nicht-Mafiafamilien kommen. Ich schäme mich für mein Vaterland, dass die Behörden so eine Situation zulassen, und bin traurig. Denn Luigi hätte wirklich eine andere Behandlung verdient, sein Kampf gegen die Mafia ist echt und geprägt von tiefer Reue. So schreckt Italien potenzielle Kronzeugen ab. Wer der Familie helfen möchte, kann auf ein Solidaritätskonto Geld überweisen: Kontoinhaber Giorgio Emmolo, Banca dell’Adriatico, Konto 1000156 – Iban IT37B0574877912100000000156 Codice BIC IBSPIT3P. Auch jede andere Form der Hilfe – eine günstige Wohnung oder ein Job, gerne im Ausland – ist willkommen.

Die Fischerbar Scordapene in Pozzallo. (c) mauro D'Agati

Liebe deinen Nächsten

Pozzallo, Sizilien, Oktober 2014, Das Magazin

In Pozzallo auf Sizilien gehen die Einheimischen an die Beerdigungen der ertrunkenen Flüchtlinge. Manche geben ihr bestes Leintuch für die Toten.

Es sind anstrengende Tage derzeit. Im Rathaus von Pozzallo, einem Städtchen ganz im Süden von Sizilien, stehen die Leute Schlange, denn Luigi Ammatuno, ihr Bürgermeister, wird in der Nacht für zwei Wochen zu den nach New York ausgewanderten Mitbürgern fliegen. Ein Mann lässt im Zorn die Tür knallen; er warte seit drei Stunden, tobt er, seit acht Uhr am Morgen, und noch immer sei er nicht an der Reihe. In der Gemeinde herrscht zudem Streit über den Haushalt, ein dickes Minus steht im Buch. Und die Staatsanwaltschaft ermittelt sowohl gegen den vorhergehenden Bürgermeister wie auch gegen den aktuellen Chef der Stadtpolizei wegen Untreue, Betrug und anderer Delikte. Doch all das ist es nicht, was Virginia Giugno verfolgt. „Ich bin müde“, sagt sie leise, und stützt ihren Kopf mit beiden Händen auf die Lehne eines Stuhls im Sitzungssaal auf. „Ich halte diese Normalität einfach nicht mehr aus.“ Weiterlesen

Cover Das Magazin

Im Meer schwimmen

„Es gab eine Gegend, da haben wir festgestellt, dass es dort viel Fisch gibt“, berichtet einer. „Dann fuhren wir nochmal hin und sahen: Da sind die Toten. 16 Meilen von Pozzallo.“ Ein anderer Fischer sagt über ein reiches Fanggebiet am anderen Ende von Sizilien, vor der Westspitze der Insel: „Früher arbeiteten dort 40 Schiffe, man verdiente gutes Geld. Heute ist da keiner mehr, weil sich die Seemänner weigern. Bei jeder Ladung waren fünf, sechs Tote im Netz. Wenn die Leute erst ein, zwei Tage im Meer geschwommen wären, okay. Aber die treiben da schon seit einiger Zeit herum.“

Das ist die Normalität: Die Strömung nimmt die Leichen mit sich. Wo die Toten sind, ist berechenbar, ist bekannt.“

Heute in Das Magazin (der Link führt zum Download für das komplette Heft).

Volle Ladung Dank

Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft in Tübingen, hat eine schöne Verteidigung des Qualitätsjournalismus‘ in der Zeit mit dem Titel „Volle Ladung Hass“ veröffentlicht. Dennoch konnte ich es nicht lassen, ihm zu widersprechen: Weiterlesen

Bei der Recherche inmitten von Flüchtlingsbooten. Foto: Mauro D'Agati

Lieber den Tod

Schon lange beschäftigt mich ein Thema, vielleicht, weil ich es in die Gene gelegt bekommen habe: die Migration. Ich sehe, wie Europa immer mehr zu dem Gebilde wird, das in dem Film „Der Marsch“ des Briten David Wheatley gezeichnet worden ist: einer Vereinigung von Staaten, die sich gegen Migranten aus Afrika abschottet. Weiterlesen

Wann endlich wird die Bundesregierung aktiv?

Unser Justizminister Heiko Maas hat Edward Snowden Medienberichten zufolge empfohlen, in die USA zurückzukehren. Ich habe mich darüber mächtig geärgert und daher den folgenden Brief an ihn geschrieben. Vielleicht wollen ja auch andere Kolleginnen und Kollegen ihm die Meinung kundtun.

„Sehr geehrter Herr Maas,

ich möchte mit meinem Schreiben Bezug nehmen auf Presseberichte, denen zufolge Sie Edward Snowden geraten haben, in seine Heimat zurückzukehren, und mir erlauben, einige Anmerkungen zu diesem Thema zu machen – auch deshalb, weil nach meiner Ansicht mir die von mir nun angesprochenen Aspekte in der öffentlichen Diskussion bisher zu kurz kamen.

Ich möchte es in aller Deutlichkeit sagen: Ich erwarte von Ihnen als Bundesjustizminister, dass Sie sich für die Einhaltung meiner und unser aller Rechte einsetzen, angefangen bei der Bundeskanzlerin bis hin zu jedem Bürger Deutschlands, einschließlich Ihnen, dessen Kommunikations-Metadaten (und womöglich nicht nur diese) von amerikanischen und britischen (und womöglich nicht nur diesen) Geheimdiensten abgefangen und gespeichert werden. Weiterlesen

Alle gegen die Mafia

Vergangene Woche ist im Neuen Deutschland meine Kolumne zur bevorstehenden Ratspräsidentschaft von Italien erschienen:

Alle gegen die Mafia

„Sie haben sich verwundert die Augen gerieben, italienische Journalisten, die schon lange das Treiben der politischen Parteien in Italien und der verschiedenen, zuweilen durchaus kurzlebigen Regierungen beobachten: Im September 2013 gab die italienische Parlamentspräsidentin Laura Boldrini dem Ansinnen statt, bis dahin als streng geheim eingestufte Akten freizugeben.

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Kommt jetzt endlich Licht ins Dunkel?

Ilaria Alpi in Somalia. Die Screenshots wurden von den Originalvideos abfotografiert, daher die schlechte Qualität. Screenshot: Sandro Mattioli

Ilaria Alpi in Somalia. Die Screenshots wurden von den Originalvideos abfotografiert, daher die schlechte Qualität. Screenshot: Sandro Mattioli

In wenigen Stunden werden in Italien die bisher geheim eingestuften Dokumente zum Tod der Journalistin Ilaria Alpi freigegeben. Ich habe den Fall in meinem Buch „Die Müll-Mafia“ geschildert.

Alpi war gemeinsam mit ihrem Kameramann Miran Hrovatin in Somalia erschossen worden, weil sie einem Zusammenhang zwischen italienischer Entwicklungshilfe, dem Waffenhandel und der Entsorgung hochgiftiger europäischer Abfälle auf die Spur gekommen war. Die Hintermänner dieser Tat wurden nie ermittelt, Recherchen blockiert, Gerichtsprozesse manipuliert und parlamentarische Untersuchungskommissionen ad absurdum geführt.

Ein Bild von Ilaria Alpis letztem Interview: Die Journalistin im Gespräch mit dem Piratenboss Omar Said Mugne. Screenshot: Sandro Mattioli

Ein Bild von Ilaria Alpis letztem Interview: Die Journalistin im Gespräch mit dem Piratenboss Omar Said Mugne. Screenshot: Sandro Mattioli

Dieses Bild hier zeigt sie bei ihrem letzten Interview mit einem Boss der lokalen Piratengruppe in Bosaso, einem Hafenstädtchen. Weiterlesen

In Gedenken an Roberto Mancini

„Irgendjemand sagte, das sei Berufsrisiko, worauf ich antwortete, das Risiko eines Polizisten ist, in eine Schießerei zu geraten, aber nicht diese Art von Tumor“ – das sagte der Polizist Roberto Mancini vor wenigen Monaten im Interview mit mir. Obwohl seine Energie nur für rund dreißig Minuten Gespräch genügte, seine Ärzte ihm davon abrieten und er viel Ruhe brauchte, wollte er dieses Interview unbedingt geben. Jetzt ist er tot.

roberto mancini
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Carmine Schiavone und der Giftmüll in Neapel

Ist deutscher Atommüll Schuld daran, dass Kinder in Kampanien an Krebs sterben? Wir konnten diese Frage leider nicht klären. Dazu müssten wohl die von dem Kronzeugen Carmine Schiavone beschriebenen Bleikisten gefunden werden. Doch ob jemand diese wirklich finden will, ist eine andere Frage. Es würde jedenfalls immense Folgekosten nach sich ziehen, ähnlich wie im Fall der mit Gift- und radioaktivem Müll beladenen und dann im Meer versenkten Schiffe.
Beim Bundeskriminalamt gibt man vor, mit Schiavone nicht über das Thema gesprochen zu haben, bei den beteiligten Landeskriminalämtern heißt es das gleiche und der Bundesnachrichtendienst äußert sich nicht – selbst wenn uns bestätigt worden ist, dass er damals, als Schiavone in Deutschland befragt worden ist, in die Sache involviert war. Dennoch ist aus dem gemeinsam mit meinen Kollegen Andrea Palladino und Mike Lingenfelser gedrehten Material ein schöner Film geworden, wie ich finde.
Heute geht mein für den Bayerischen Rundfunk erstellter Beitrag auf Sendung. Es hat Spaß gemacht, Bild und Ton zu einem Ganzen zusammenzufügen. Danke auch an meine hervorragende Cutterin Monika Müller.

Anmerkung: Eine Langversion des Beitrages lief im Magazin Kontrovers des bayerischen Rundfunks. Er ist hier online.

Mein Beitrag für Report München

Auch deutscher Abfall vergiftet die Menschen rund um Neapel – Carmine Schiavone und der Atommüll aus Deutschland. Ein Klick auf das Bild öffnet das Video in einem neuen Fenster.

 

Millionen Tonnen hochgiftigen Mülls soll der berüchtigte Mafia Clan der Casalesi auf den fruchtbaren Feldern rund um Neapel illegal vergraben haben. Ärzte beklagen seitdem steigende Krebsraten. Die Polizei beschlagnahmt kontaminiertes Gemüse. Erstmals im deutschen Fernsehen packt nun der Mafia-Kronzeuge Carmine Schiavone über das Geschehen auf dem heute Terra dei Fuochi, Feuerland, genannten Gebiet aus.

Bericht: Mike Lingenfelser, Sandro Mattioli, Andrea Palladino, Reinhard Weber

Wir sind in Süditalien. Auf der Fahrt zu einem Mafia-Kronzeugen – an einem streng geheimen Ort. Erstmals gibt Carmine Schiavone ein Interview im deutschen Fernsehen über das Geschäft mit Giftmüll aus Deutschland.
Als er uns in seinem Garten empfängt und erzählt, dass er hier nur biologisch anbaut, möchte man fast vergessen, dass dieser Mann viel Blut an den Händen hat. Jahrelang war er Chef der berüchtigten Casalesi.

Aus gutem Grund isst er nur noch sein eigenes Gemüse. Zu viel Giftmüll hat sein Mafia-Clan in den Äckern verbuddelt.

Carmine Schiavone, Mafia-Kronzeuge: „Ich esse nicht mal mehr die Tomaten aus der Dose.“

Besuch in der Villa des Ex-Mafiabosses. Sein Clan ist der Gefürchtetste rund um Neapel. Auch mit Waffen hatte er gehandelt, etwa Kalibern wie dieser Attrappe. Offen spricht er über hunderte Auftragsmorde und ein gutes Duzend, das er selbst verübt hat.

Carmine Schiavone, Mafia-Kronzeuge: „Wir haben sie mit Pistolenschüssen umgelegt, mit Maschinenpistolen und Gewehren, dann gab es das Strangulieren. Und wir haben sie in Säure aufgelöst oder sie an Orten vergraben, wo manche bis heute nicht gefunden wurden.“

Schiavone zeigt bei den Morden keine Reue. Aber eines will er nicht auf sich sitzen lassen: Dass sein Clan ganze Landstriche mit Giftmüll verseucht und damit Menschen vergiftet hat. Weiterlesen

Herzlich willkommen…

… auf meiner runderneuerten Seite. Nach sechs Jahren mit dem Seiten-Verwaltungs-System Joomla habe ich auf WordPress gewechselt. Sieht schicker aus, ist einfacher in der Handhabung und vor allem ist es nicht so anfällig für Spam und Malware wie meine veraltete Joomla-Installation. Viel Spaß!

Rexhep Arapi, ein Froschfänger in Albanien. Foto: Sandro Mattioli

Der Froschkönig

Novoselë, Albanien  Juli 2013, Beef

Nein, nicht. Noch nicht. Andon Shakaj hält den Türgriff seines schweren Geländewagens in der Hand und macht keine Anstalten, die Tür zuzustoßen. Der V6-Motor rumort schon eine Weile nicht mehr, der Wagen ist im asphaltierten Hof des Fabrikgeländes zum Stehen gekommen, doch der kleine Mann daneben bewegt sich keinen Schritt. Eigentlich könnte er jetzt vorangehen, durch das Rolltor, könnte die versprochene Besichtigung der Froschschenkelfabrikation beginnen. Shakaj aber, dem hier alles gehört, hat einen anderen Plan. Hier, hinter beige gestrichenen Betonmauern mit wenigen Fenstern verborgen, wird eine Delikatesse hergestellt, eine Delikatesse, die in Italien und Frankreich die Gourmets glücklich macht. Doch Shakaj will seinen Stolz lieber nicht zeigen. Er will weg. „Steigen wir ein, ich möchte Euch wo hinbringen“, sagt er. Man widerspricht ihm nicht, keiner tut das.

Shakaj setzt den Fuß wieder auf das Trittbrett des Nissans und schwingt seinen kleinen Bauch in die Höhe. Der bullige Kasten soll wohl unterstreichen, wer hier der Chef ist, vielleicht seine sanftmütige Erscheinung übertünchen. Jedenfalls dreht Shakaj den Zündschlüssel im Schloss, der Motor röhrt, irgendetwas quietscht. Weiterlesen