Die Fischerbar Scordapene in Pozzallo. (c) mauro D'Agati

Liebe deinen Nächsten

Pozzallo, Sizilien, Oktober 2014, Das Magazin

In Pozzallo auf Sizilien gehen die Einheimischen an die Beerdigungen der ertrunkenen Flüchtlinge. Manche geben ihr bestes Leintuch für die Toten.

Es sind anstrengende Tage derzeit. Im Rathaus von Pozzallo, einem Städtchen ganz im Süden von Sizilien, stehen die Leute Schlange, denn Luigi Ammatuno, ihr Bürgermeister, wird in der Nacht für zwei Wochen zu den nach New York ausgewanderten Mitbürgern fliegen. Ein Mann lässt im Zorn die Tür knallen; er warte seit drei Stunden, tobt er, seit acht Uhr am Morgen, und noch immer sei er nicht an der Reihe. In der Gemeinde herrscht zudem Streit über den Haushalt, ein dickes Minus steht im Buch. Und die Staatsanwaltschaft ermittelt sowohl gegen den vorhergehenden Bürgermeister wie auch gegen den aktuellen Chef der Stadtpolizei wegen Untreue, Betrug und anderer Delikte. Doch all das ist es nicht, was Virginia Giugno verfolgt. „Ich bin müde“, sagt sie leise, und stützt ihren Kopf mit beiden Händen auf die Lehne eines Stuhls im Sitzungssaal auf. „Ich halte diese Normalität einfach nicht mehr aus.“ Weiterlesen

Rexhep Arapi, ein Froschfänger in Albanien. Foto: Sandro Mattioli

Der Froschkönig

Novoselë, Albanien  Juli 2013, Beef

Nein, nicht. Noch nicht. Andon Shakaj hält den Türgriff seines schweren Geländewagens in der Hand und macht keine Anstalten, die Tür zuzustoßen. Der V6-Motor rumort schon eine Weile nicht mehr, der Wagen ist im asphaltierten Hof des Fabrikgeländes zum Stehen gekommen, doch der kleine Mann daneben bewegt sich keinen Schritt. Eigentlich könnte er jetzt vorangehen, durch das Rolltor, könnte die versprochene Besichtigung der Froschschenkelfabrikation beginnen. Shakaj aber, dem hier alles gehört, hat einen anderen Plan. Hier, hinter beige gestrichenen Betonmauern mit wenigen Fenstern verborgen, wird eine Delikatesse hergestellt, eine Delikatesse, die in Italien und Frankreich die Gourmets glücklich macht. Doch Shakaj will seinen Stolz lieber nicht zeigen. Er will weg. „Steigen wir ein, ich möchte Euch wo hinbringen“, sagt er. Man widerspricht ihm nicht, keiner tut das.

Shakaj setzt den Fuß wieder auf das Trittbrett des Nissans und schwingt seinen kleinen Bauch in die Höhe. Der bullige Kasten soll wohl unterstreichen, wer hier der Chef ist, vielleicht seine sanftmütige Erscheinung übertünchen. Jedenfalls dreht Shakaj den Zündschlüssel im Schloss, der Motor röhrt, irgendetwas quietscht. Weiterlesen

Luigi Bonaventura beim Rauchen auf dem Balkon, die einzige Freiheit für ihn. Foto: Alvaro Deprit

Mafioso außer Dienst

Irgendwo in Süditalien, Juni 2013, Reportagen

Du musst wissen, welcher Knopf der richtige ist. Es ist eine typische italienische Klingelanlage: mattsilberne, runde Knöpfe, auf den Schildern daneben sind Namen eingraviert. «Bonaventura» brauchst du gar nicht erst zu suchen. Doch neben einem Knopf klebt ein handbeschriebener Zettel mit einem anderen Namen, seinem Tarnnamen. Es wirkt, als würde jemand hier nur für ein paar Wochen leben, vorübergehend. Der Zettel hängt jedoch seit Monaten. Diesen Knopf drückst du.

Ein Summen, ein kurzes Knattern, die Tür fällt hinter dir krachend ins Schloss, und du bist in einem Hauseingang: auf festem Marmor, die Wände sind ebenfalls marmorgefliest, bis ganz nach oben, die Decke ist freundlich gestrichen. Die Tür zum Aufzug stemmt sich wie jede Aufzugstür zunächst gegen das Aufziehen, dann kommt sie dir mit Schwung entgegen. Du drückst ein weiteres Mal auf einen Knopf, diesmal einen schwarzen, fährst einige Stockwerke nach oben und stehst vor einer Tür, einer normalen italienischen Wohnungstür in einem normalen italienischen Wohnhaus; sie scheint aus Holz zu sein, ist aber aus Metall. Diese hier ist sogar eines jener Modelle, die beim Schließen mehrere Riegel in den massiven Türrahmen treiben, weil in Italien doch so viel gestohlen wird. Vor Schüssen aber schützt sie nicht. Weiterlesen

Aussicht mit Mördern

Brutale Stille

Sant’Anna, 6. Dezember 2012, Kontext:Wochenzeitung

In dieser Geschichte fehlt viel. Es fehlen Namen, es fehlen Leben, es fehlen Schuldige, und es fehlen Gräber. Vor allem aber fehlt es an einem: an Menschlichkeit. Eine Reise nach Sant’Anna, wo die deutsche Waffen-SS im August 1944 fast ein ganzes Dorf auslöschte.

Auf die kleine Piazza vor der Kirche scheint die Sonne. Das Eis schmilzt unter dem Licht ihrer Strahlen, auch wenn diese im Spätherbst kaum wärmende Kraft haben. Der Blick reicht dank der klaren Luft weit, bis tief ins Tal hinunter fällt er. Erst nach einer Weile spürt man, dass hier die Stille herrscht. Eine unangenehm frostige Stille. Sie ist nicht Ruhe und nicht Entspannung. Sie ist vielmehr verstummte Gespräche, der Mangel jener Geräusche, die das Leben hervorbringt. Es ist menschengemachte Stille, und sie währt in Sant’Anna di Stazzema schon lange: seit damals, seit 1944, gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Brutale Stille, wenn man so mag.

Unter dem Eis der Piazza ist Gras zu erkennen. Breite Steinplatten bilden einen Weg zu der Kirche, deren Tür trotz der Kälte weit geöffnet steht. Kerzen leuchten im Inneren. Der Bau ist aus groben Steinen gebaut, im Inneren aber von einiger Eleganz. Dunkle Holzbänke stehen jetzt wieder in ihr. Dort, wo heute das Gras wächst, war vor 68 Jahren kein Halm mehr. Weiterlesen

Windenergie

Es war einmal in Kalabrien

Der staatlichen HSH Nordbank droht der nächste Skandal. Das Institut hat einen Windpark im Süden Italiens finanziert, den die Behörden beschlagnahmt haben. Der Verdacht: ein Geldwäsche-Projekt der Mafia. Es geht um rund 200 Millionen Euro.

Isola di Capo Rizzuto/ Hamburg, Oktober 2012, Stern

Das Verkehrsschild sollte einmal vor kreuzenden Kühen warnen. Inzwischen ist es von Patronenkugeln durchsiebt, und es kündet so von ganz anderen Gefahren: Hier regiert die Gewalt. Es steht an einer löchrigen Straße mitten in Kalabrien. Sie verbindet das Örtchen Isola di Capo Rizzuto mit der Provinzhauptstadt Crotone. Das graue Asphaltband schlängelt sich zwischen 48 Windrädern hindurch. Hier, tief im Süden von Italien, ist in den vergangenen fünf Jahren einer der größten Windparks des Landes entstanden.

Wenn man die 96-Megawatt-Anlage besichtigt oder gar fotografiert, dann kommt ein grauer Volvo-Kombi angefahren. Ein Mann, grauhaarig, das Hemd leger aufgeknöpft, lässt die Scheibe runter, beugt sich herüber. Er wartet darauf, dass man ihn ansieht. „Tun Sie sich nicht weh“, sagt er dann. Es sind fürsorgliche Worte, doch sie klingen wie eine Drohung. Hinsehen ist hier nicht erwünscht. Weiterlesen

Der Sozialpädagoge Hartmut Gerger arbeitet im Jugendamt Stuttgart. die Kontext:Wochenzeitung hat ihn mehrere Wochen begleitet. Foto: Jo Röttgers

Ein Krake, der lacht

Stuttgart, 9.11.2011, Kontext: Wochenzeitung

Wie einen Kraken, der Kinder aus Familien reißt und ins Heim steckt, stellen sich viele das Jugendamt vor. Was die Mitarbeiter der städtischen Behörde aber wirklich machen, weiß kaum jemand. Häufig kümmern sie sich um krasse Fälle. Hartmut Gerger unterstützt Eltern, die sich überfordert fühlen. Gerger ist Sozialpädagoge und arbeitet im Stuttgarter Süden; wir haben ihm bei seiner Arbeit über die Schulter geschaut.

Hartmut Gerger lacht gern und viel. So ein Lachen verrät viel über einen Menschen. Es kann offen sein und freundlich und dazu einladen, sich näherzukommen. Es kann scharfe Zähne freilegen, kann verletzen. Es kann aufgesetzt sein, dann blicken die Augen hart, und Fröhlichkeit erstarrt zur Maske. Hartmut Gergers Lachen ist vor allem stark. Selten laut, immer vornehm, und meistens trägt es etwas Mitfühlendes in sich. Nur an diesem Abend lacht Hartmut Gerger nicht. Der Sozialpädagoge, 46 Jahre alt, Mitarbeiter im Stuttgarter Jugendamt, gibt sich der Realität geschlagen. „Nach einem Tag wie diesem möchte ich am liebsten ein Weizenbier trinken gehen“, sagt er.

Gerger sitzt an dem kleinen, runden Tisch in seinem Büro im Stuttgarter Süden. Hierher kommen Menschen, die Rat suchen oder Hilfe brauchen: Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen, Mütter, die mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sind. Manchmal haben sie Kinder dabei, die mit der Erziehung ihrer Eltern überfordert sind. Oft ist Gewalt im Spiel. Weiterlesen

Hartmut Gerger bearbeitet viele, viele Fälle parallel. Foto: Jo Röttgers. www.graffiti-foto.de

Das wilde Tier Angst

Stuttgart, 16.11.2011, Kontext: Wochenzeitung

Wer für das Jugendamt arbeitet, muss belastbar sein: Viele Menschen laden Ballast und Sorgen dort ab, dazu kommt die Angst, irgendetwas zu übersehen, irgendetwas falsch zu machen, mit der Folge, dass Kinder zu Schaden kommen. Das Amt tut zwar sehr viel, um dies zu verhindern. Doch die Sorge, dass doch einem Kind unter ihrer Zuständigkeit etwas angetan werden könnte, treibt die Mitarbeiter um. Teil zwei.

Wer für das Jugendamt arbeitet, muss belastbar sein: Viele Menschen laden Ballast und Sorgen dort ab, dazu kommt die Angst, irgendetwas zu übersehen, irgendetwas falsch zu machen, mit der Folge, dass Kinder zu Schaden kommen. Das Amt tut zwar sehr viel, dies zu verhindern. Doch die Sorge, dass doch einem Kind unter ihrer Zuständigkeit etwas angetan werden könnte, treibt die Mitarbeiter um.

Man kann Supervisionen machen, Besprechungen in der Gruppe, Besprechungen mit externen Experten, Vermerke schreiben, Vorgesetzte einschalten. Man kann die Papiere wieder und wieder lesen, noch einmal über den Fall schlafen oder hoffen oder beten. Aber eines kann man nicht: das wilde Tier Angst zähmen. Manchmal schläft es ruhig irgendwo im Hinterkopf, manchmal kratzt es leicht mit seiner Pranke an der Gehirnrinde, um zu sagen, ich bin auch noch da, vergiss mich nicht. Manchmal tobt es, ohne Gnade und unbeherrscht. Da ist es jedenfalls immer. Im Schnitt hält ein Kollege pro Jahr den Druck nicht mehr aus und gibt auf, sagt Johannes Schmitt-Althaus, bittet um Versetzung, will nicht mehr für das Jugendamt arbeiten. Schmitt-Althaus muss es wissen: Er ist zusammen mit einer Kollegin bei der Stuttgarter Stadtverwaltung für die 200 Mitarbeiter in den Beratungszentren zuständig.

Auch Hartmut Gerger kennt diese Angst. Es ist nicht so, dass sich der Sozialpädagoge ständig vor Augen führt, wie es wäre, plötzlich für die Misshandlung eines Kindes oder gar dessen Tod verantwortlich gemacht zu werden. Aber es ist eben auch nicht so, dass er es nicht tut. Das wilde Tier Angst, es schleicht zuweilen um jeden Mitarbeiter des Beratungszentrums Süd herum. Wenn Gerger erzählt, merkt man, dass er sich dessen stärker bewusst ist, als es ihm lieb ist. Weiterlesen

And.y, die musikalische Eminenz im Hintergrund bei den Fantastischen Vier

Der Vierte Mann

Stuttgart, Oktober 2011, Kontext:Wochenzeitung

Andreas Rieke ist einer der größten Popstars in Deutschland, und doch kennt ihn kaum jemand. And.Y, so sein Künstlername, ist der letzte der Fantastischen Vier, der noch in Stuttgart lebt. Der Tonbastler Ypsilon wirkt oft schüchtern. Er schraubt in seinem Tonstudio in einem Keller im Süden der Stadt an neuen Liedern und bleibt auf der Bühne lieber im Hintergrund. Im Interview entpuppt er sich wider Erwarten als unterhaltsamer und amüsanter Gesprächspartner. Weiterlesen

Milano Rogoredo

Dreckige Geschäfte

Heilbronn, September 2011, Kontext:Wochenzeitung

In Heilbronn nahm der Absturz des schwerreichen italienischen Vorzeigeunternehmers Giuseppe Grossi seinen Lauf. Der Abfallmagnat erfreute sich bester Kontakte zu Politik und Wirtschaft, jetzt sitzt er als krimineller Steuerhinterzieher in Haft. Hundert Millionen Euro soll er mit der Hilfe von deutschen Unternehmern auf die Seite geschafft haben. Ein winziges, aber wichtiges Detail brachte das Finanzamt Heilbronn auf die Spur dieser Machenschaften.

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Ein Leben mit Büchern

Heidelberg, 6.7.2011, Kontext: Wochenzeitung

Die Verlegerin Inge Feltrinelli, geborene Schönthal, hat kürzlich die Ehrendoktorwürde der Universität Heidelberg verliehen bekommen. Sie blickt auf achtzig Jahre eines hochspannenden Lebens zurück: Ihr Vater war Jude, weswegen sie im Nationalsozialismus die Schule verlassen musste. Sie traf als Fotografin Größen wie Ernest Hemingway, heiratete Giangiacomo Feltrinelli, einen italienischen Millionär und Verlagsbesitzer, der als linksradikaler Kämpfer in den Untergrund ging, und übernahm schließlich das Unternehmen, das heute ein Viertel des italienischen Buchmarkts beherrscht. Weiterlesen

Durch die Ortsmitte rollten früher Panzer, gefolgt von dunkelbunt angemalten Soldaten. Foto: Martin Storz

Dunkelbunt

Obereisesheim, 5.10.2011, Kontext: Wochenzeitung

Alle paar Jahre kam der Krieg in meine Kindheit. Kettenrasseln und Motorengeknatter kündigten ihn an; in der Küche klirrte das Geschirr, wenn die Militärmaschinerie einrollte. Wir eilten dann zur Dorfstraße, standen im Pulk und beobachteten neugierig die Panzer. Manche winkten. Wir Kinder waren fasziniert, aber ehrlich gesagt wussten wir nicht warum. War es die schiere Größe? Die Abwechslung? Ich weiß es nicht. Mir jedenfalls hatte man nie Panzermodelle und Maschinengewehre aus Plastik geschenkt. Das Töten war mir stets suspekt – und sei es auch nur als Spiel.

Der Krieg bei uns im Ort war ebenfalls nur ein Spiel, auch wenn die Soldaten echt waren.
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Kruzifix1

Kruzifix! Ein Michelangelo

Rom, 20.4.2011, Kontext: Wochenzeitung

Eine Weltsensation, sagt Pater Heinrich Wilhelm Pfeiffer, gebürtiger Tübinger und Kunstexperte an der Gregoriana-Universität in Rom. Pfeiffer ist sich sicher: Eine Christusfigur, die nach 500 Jahren wieder aufgetaucht ist, soll von Michelangelo stammen. Um das Kunstwerk rankt sich eine lange Geschichte: Einst soll die Figur im Schutt einer Kirche gelegen haben, und nun interessiert sich offenbar auch die Mafia für sie. Oder doch nicht? Weiterlesen

Wunder haben Konjunktur

Auch in unseren aufgeklärten Zeiten sind Wunderheiler begehrt. Wissenschaftler arbeiten daran, ihre Erfolge zu erklären – doch vieles bleibt rätselhaft.

 Littau, März 2010, Bild der Wissenschaft

Ruhig sitzt er an dem breiten Eichentisch, freundlich blickt er drein beim Erzählen. Manchmal holpert ein Lachen aus ihm heraus. Welches Klischee man auch immer mit einem Heiler verbindet, zu Roman Grüter passt es nicht. Den Mann mit dem rundem Gesicht, den kurzen grauen Haaren und der filigranen Drahtbrille umweht nichts Mystisches. Weiterlesen

Antonino Di Leva an seinem Schreibtisch. Foto: Sandro Mattioli

Was vom Tage übrig blieb

Antonio Di Leva aus Neapel hat vor vielen Jahren eine Erfindung gemacht, mit der heute viele Millionen Euro verdient werden: die Ein-Portionen-Kaffeedosis, besser bekannt als Kaffee-Pad. Reich geworden ist er damit nicht.

Neapel, November 2009, Crema-Magazin

 Er hätte ein großer Erfinder werden können. Doch alles, was Antonino Di Leva blieb, passt jetzt in ein kleines Büro in einem Vorort von Neapel – und auch das wird bald aufgelöst: Ein paar alte Kartons, auf denen ein Aufdruck für seine „Prontadose“ wirbt, stehen in dem Raum, dazu drei Schreibtische und etwas Krimskrams. Zigarettenrauch hängt in der Luft. An einem der Tische arbeitet seine Sekretärin, aber nur einen halben Tag lang, und auch das nur bis die Unternehmensgeschichte endgültig für Di Leva abgewickelt ist. Weiterlesen

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Das innere Beben bleibt

Die Trümmer in und um L’Aquila werden weggeräumt, doch ein Trauma lässt sich nicht so einfach beseitigen. Das schwere Erdbeben in den Abruzzen hat zerbrechliche Menschen zurückgelassen, um deren Seelenheil sich nun Geistliche kümmern – und Psychologen.

L’Aquila, April 2009, Stern

Gott kann so gnadenlos sein, sagen die Leute in dem Camp. Nicht mal seinen eigenen Sohn hat er verschont. „Könnten Sie vielleicht den Kopf nehmen?“, fragt Don Gaetano, nachdem er aus seinem klapprigen Golf gestiegen ist, und weist mit einem schnellen Blick auf den Beifahrersitz. Auf dem Sitz liegt ein Gipskopf, aus dessen Innerem der Rest einer Holzlatte ragt. An der Bruchstelle stehen Splitter ab. Der Kopf bedeute ihm viel, er spreche quasi zu ihm, sagt Don Gaetano, packt seine Sachen und geht davon. Der Gottesdienst fängt gleich an und er muss noch das Zelt richten. Es ist doch Ostern, trotz des Erdbebens. Weiterlesen

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Die unbekannten Flugobjekte

Wenn Vogelschwärme über den Himmel ziehen, scheint es, als hätte eines der Tiere das Kommando. Doch in Wahrheit organisiert der Schwarm sich selbst.

Rom, Februar 2009, Bild der Wissenschaft

Wenn Andrea Cavagna aus dem Fenster seines Büros schaut, sieht er den Hauptbahnhof von Rom. Im Herbst drehen dort oft Starenschwärme ihre Pirouetten. Tagsüber machen sie die Umgebung der italienischen Hauptstadt unsicher, für die Nacht kehren sie ins Zentrum zurück. Bevor sich die Tiere auf ihre Schlafbäume setzen, tanzen sie am Himmel. Dann kann Andrea Cavagna mitten in Rom Bilder sehen wie die hier abgedruckten Fotos.

Cavagna ist Vogelforscher, aber ein untypischer: Statt Wanderschuhen und Allwetterjacke trägt er elegante Wollpullover und Jeans. Er ist auch nicht Biologe, sondern Physiker. An den Wänden seines Büros hängt eine Tafel, voll geschrieben mit komplizierten Vektorgleichungen. Weiterlesen

Biagio und Paulutsch

Die Deutschen erster und zweiter Klasse

Stuttgart, 9. September 2006, Stuttgarter Zeitung

Ich heiße Sandro Mattioli, und wenn ich meinen Migrationshintergrund suchen sollte, wüsste ich nicht, wo. Zu Hause habe ich eine Mutter und einen Vater. Meine Mutter mag es, wenn man nach dem Spülen das Waschbecken abtrocknet. Mein Vater kehrt jede Woche den Hof, und er freut sich, wenn es den Vögeln gut geht – Wellensittiche und Kanarienvögel, eingewanderte Tiere, mit Migrationshintergrund also.

Meine Mutter heißt Sigrid, mein Vater Pantaleone. Pantaleone – da muss doch im Hintergrund mal eine Migration stattgefunden haben? Richtig, im Jahr 1960. Seitdem ist mein Vater deutscher als mancher Deutsche geworden, auch wenn sein Pass ein italienischer ist. Weiterlesen